Berliner
geowiss. Abh. (E) 3 113-119 1 Taf. Berlin 1992s
1. Einführung 2.
Material
3. Beschreibung der perniziösen
Epökie
4. Deutung 5.
Ergebnisse
Wachstumsstörungen bei
Pleuroceras und anderen Ammonoidea durch Epökie
von
Helmut KEUPP
Zusammenfassung:
Wachstumsstörungen bei Pleuroceraten-Gehäusen aus dem süddeutschen Lias werden auf
perniziöse Epökie zurückgeführt. Ihr Vergleich mit Epöken-Befall weiterer
Ammoniten-Taxa des Lias (Arnioceras, Schlotheimia, Catacoeloceras) läßt die
Interpretation zu, dass die Pleuroceraten in ihrer nektobenthonischen Lebensweise
eine
deutliche nektonische Komponente innehatten.
Abstract: Some
aberrant shell morphologies of the ammonite genus Pleuroceras, from Upper Pliensbachian of
Southern Germany are restricted to specimens which are synvivo affected by epizoans. The
described phenomenon is discussed in comparison with further Liassic ammonite genera
(Arnioceras, Schlotheimia, Catacoeloceras) which exhibit epizoans. Theese observations
allow an interpretation of a more nectonic behaviour of Pleuroceras, while the other
genera described here seem to have had a rather benthonic live habitat.
Key words: Peläopathologie - Ammonoidea
- Lias - Epökie
1. Einführung
Synvivo-Bewuchs auf Ammonoideen-Gehäusen durch unterschiedliche
Epöken, die mit ihrer Schale auf den Gehäusen zementiert sind, wurden schon mehrfach
beschrieben. Als Besiedler traten vor allem: Serpuliden (LANGE 1932, SCHINDEWOLF 1934,
JÄGER 1991), Brachiopoden (KEUPP 1984, 1985), Pelecypoden (PHILIPPI 1899, SEILACHER 1960,
MEISCHNER 1968) Und Crinoiden (GANSS 1935) in Erscheinung. Vor allem die Besiedlung
juveniler Gehäuse führte bei den betroffenen Ammoniten oft zu Beeinträchtigungen im
weiteren Gehäusebau. Bei ventral angesiedelten Epöken resultieren AM As Überwachsen der
"Trittbrettfahrer" bevorzugt geknickte Windungen und abnormale Ablösungen der
Conothek vom Nabel (LANGE 1932, HÖLDER 1970, KEUPP 1984, 1985). Diese Phänomene sind
nicht zu verwechseln mit ähnlich erscheinenden Knicken bei Gehäusewindungen insbesondere
von Psiloceraten und Bifericereaten, die durch Richtungsänderungen im Spiralsinn nach
juvenilen Wachstumsunterbrechungen auftreten (BAYER 1972). Durch nachträgliches,
diagenetisches Herauslösen der Epöken können teilweise heteromorphe Gehäuseformen
vorgetäuscht werden (Taf.1/12; OUENSTEDT 1883-1885: Taf.13/16; LANGE 1932, SCHINDEWOLF
1934). Nur in Ausnahmefällen konnten bisher Fälle nachgewiesen werden, bei denen die
betroffenen Ammoniten versuchen, das zusätzliche Gewicht, vor allem lateral angesiedelter
Epöken im weiteren Gehäusebau zu kompensieren (LANGE 1932, KEUPP 1984: Fig.8).
Die angesprochenen Epöken bemühen sich bei der Besiedlung des Ammonitengehäuses in der
Regel um eine für sie strömungsgünstige Ausrichtung, bevorzugt auf der adoralen
Gehäuse- Oberseite. Jedoch sind nur die Serpuliden in der Lage, dem Conothek-Zuwachs der
Ammoniten- Gehäuse durch gleichsinnig gerichtetes Längenwachstum ihrer Wohnröhre so zu
kompensieren, daß ihre Röhrenmündung in der gleichen, relativen Position verbleibt.
Muscheln und Brachiopoden werden dagegen durch die Rotation des wachsenden
Ammonitengehäuses rasch aus ihrer ursprünglichen, strömungsgünstigen Position
gebracht. MEISCHNER (1968) prägte deshalb für diese organismische Wechselbeziehung, die
offensichtlich für beide Partner nachteilig ist, den Begriff der "perniziösen
Epökie". SCHINDEWOLF (19.34) sieht in der Epökie von Serpuliden auf Ammoniten nur
für die Ammoniten eine Ach tive Benachteiligung und diskutiert deshalb den Begriff einer
"irreziproken Gesellschaftsbeziehung".
Epökien auf Ammoniten-Gehäusen wurden für die Interpretation biologischer Aspekte bei
Ammonoideen eingesetzt:
innerhalb des Jura konzentrieren sich die meisten
Epökie-Phänomene auf weitnabelige Ammoniten Gattungen, wobei Formen des tiefen Lias
besonders begünstigt scheinen (OUENSTEDT 1885-87, LANGE 1932, HÖLDER 1970). Zusammen mit
den sich in der Stratigraphie ändernden dafür anfälligen Ammoniten-Gattungen wechseln.
offensichtlich auch de überwiegend auftretenden Epöken. So waren offensichtlich
Caloceraten, Arnioceraten, Bifericeraten, Schlotheimien und Echioceraten für die synvivo
Besiedlung durch Serpuliden besonders anfällig. Im höheren Lias dominieren dagegen
sessile Brachiopoden (Discina), die vor allem bei Dactylioceraten und ihnen nahestehende
Gattungen auftreten (KEUPP 1984, 1985). Die befallenen Ammoniten zeigen auf die
Epöken-Besiedlung -abgesehen von den beim Überwachsen zwangsläufig auftretenden
geknickten Windungen- in der Regel kaum Reaktionen auf die veränderte Gleichgewichtssituation
im Gehäusebau (vergl. Taf.1/10-12). Das bevorzugte Auftreten von
Epökien konzentriert sich somit auf weitnabelige Ammonoideen, die durch eine lange
Wohnkammer (275 bis 360°) ausgezeichnet sind. Ihre für den Rückstoßantrieb instabile
Schwimmlage (TRUEMAN 1941), die zum Teil kräftige Berippung sowie die hohen Raten
charakteristischer Mundsaum- Verletzungen (KEUPP 1984, 1985; KEUPP & ILG, dieser Band)
sprechen übereinstimmend für eine sehr stark bodenbezogene Lebensweise dieser Formen.
Gewichtszunahme und teilweise erlittene Gehäuse-Asymmetrien können deshalb leichter
toleriert werden, ad dies bei Arten der Fall ist, die eine mehr nekto-benthonische
Lebensweise hatten.
Am Beispiel von Pleuroceraten, aus dem mittleren Lias Frankens, die mit Epökie-Befall
anderer Liasammoniten verglichen werden, soll gezeigt werden, daß auch bei offensichtlich
nektobenthonischen Taxa synvivo-Epökien nicht fossilisierbarer Organismen auftreten,
deren Auswirkung auf den weiteren Gehäusebau erhebliche Ausmaße annehmen konnte.
2.
Material
Der intensive Abbau der dunklen Mergeltone in der Tongrube bei Unterstürmig nördlich von
Forchheim in Oberfranken ermöglichte über viele Jahre hinweg zahlreichen Privatsammlern
aus dem sehr fossilreichen Pleuroceras spinatum-La- (vergl. PLÜCKEBAUM 1985) große
Mengen an Ammoniten zu bergen. Anhand umfangreicher Aufsammlungen nicht vorselektierten
Materials, insbesondere von Herrn F.Heinlein, Veitsbronn (ca. 2000 Individuen), konnte
eine zuverlässige Statistik der Anomalierate bei Pleuroceras erstellt werden. Sie liegt
bei 3,5 %, wobei etwa 3 % auf traumatische Anomalien und 0,5 % auf solche Anomalien im
Gehäusebau entfallen, denen keine äußerlich erkennbaren Schalenverletzungen
vorausgehen. Dem Autor liegen durch die rege Unterstützung zahlreicher Sammler insgesamt
2786 pathologische Pleuroceraten, überwiegend aus dem süddeutschen Lias vor. Legt man
die durchschnittliche Anomalierate von 3,5 % zugrunde, repräsentieren sie das
pathologische Extrakt aus ca. 80 000 Ammoniten.
19 der insgesamt 2786 pathologischen Fälle zeigen Anomalien, die auf perniziöse Epökie
zurückgeführt werden. Umgerechnet auf eine Ausgangspopulation von etwa 80 000 Exemplaren
resultiert eine relative Häufigkeit dieser Anomalie von 0,02 %, d.h. daß von ca. 5000
Pleuroceraten einer von einen Epöken befallen wurde.
3. Beschreibung der
perniziösen Epökie
Bei den meisten bisher beschriebenen Fällen perniziöser Epökie (s.o.) ist der
besiedelnde Organismus durch den Aufwuchs mit einem kalkigen Gehäuse direkt überliefert
worden, bzw. ist dessen Konfiguration oft nach der selektiven diagenetischen Lösung durch
Anlagerungsgefüge an der Ammonitenschale evident. Im Gegensatz dazu M die Verursachen bei
den Pleuroceraten -cm günstiger Erhaltungsvoraussetzungen (überwiegende Erhaltung
aragonitischer Schalenstrukturen) in keinem Falle direkt nachweisbar. Vielmehr scheinen
als Epöken solche Organismen aufgetreten zu sein, die nicht mit mineralischen Hartteilen
auf ihrem Substrat zementiert waren, wie dies beispielsweise von Stramentidae
(Cirripedier) auf Kreide- Ammoniten diskutiert wird (vergl. z.B.: DRUSCHCHITS &
OBRUTSCHEWA 1971, OEKENTORP 1998). Das Erscheinungsbild ist in 18 der insgesamt 19 Fälle
annähernd gleich M kann durch die Individuen der Taf.1/2), tarieren
offensichtlich die Gehäuseposition aus.
Nur in einem Fall (Taf.1/1) kommt es bei dem
Durchmesser von 9 mm zur völligen Ablösung der Conothek von der vorhergehenden Windung.
Der dadurch entstandene Windungsknick überbrückt einen lichten Freiraum von 2 mm Höhe.
Der offensichtlich annähernd median positionierte Epöke, der trotz der Erhaltung des
Ammoniten in einer PhosphoritGeode nicht überliefert ist, störte die Richtung der
Spiralebene nicht grundlegend. Dennoch resultieren deutliche Störungen im weiteren
Gehäusebau. Neben der durch den hohen Windungsknick ausgelösten Verzerrung, die das
Gehäuse auch nach zwei Umgängen noch in der Vertikalen gestaucht erscheinen läßt,
kommt es zu schwächeren Undulationen. Sie lassen sich vor allem durch den pendelnden
Verlauf des medianen Zopfkiels erkennen (= forma undaticarinata HELLER 1958). Trotz
ähnlicher oder sogar stärkerer Windungsknicke bleiben bei Vertretern des unteren Lias
(Schlotheimia: Taf.1/10; Coriniceras: Taf.1/11-12) entsprechend pendelnde Reaktionen zum Ausgleich der
Symmetropathie weitgehend aus.
Den Pleuroceraten vergleichbare EpökiePhänome treten aber auch bei Catacoeloceras aus
dem Unter-Toarcium Südfrankreichs auf (Taf.1/6-7). Die als
Pyrit-Steinkerne erhaltenen Phragmokone zeigen durch analoge Eindellungen der Nabelkante
das Umwachsen eines Hindernisses auf der vorhergehenden Windung an. Das 20 mm große
Exemplar der Taf.1/6 läßt auf der nachfolgenden Windung keine undulierenden Anomalien
erkennen. Auch das relativ große Hindernis, das bei dem Steinkern von Taf.1./7 umwachsen wurde, führte zwar zu einer vorübergehenden Ablenkung
der Conothek auf die Gegenseite, eine ausgleichende Rückpendelbewegung scheint aber
-soweit die Spurlinien des folgenden Umgangs erkennen lassen auch hier nicht erfolgt zu
sein. Dies steht im Einklang mit Beobachtungen an Exemplaren derselben Gattung, bei denen
typisch geknickte Windungen (Taf.1/8) analog zu den
meisten weitnabeligen Gehäusen des Unter-Lias keine pendelnden Anomalien ausgelöst
haben.
4. Deutung
Die geschilderten signifikanten Unterschiede in der Reaktion auf einen
Epöken beim weiteren Gehäusebau zwischen den Pleuroceraten und den verschiedenen Taxa
aus dem unteren und oberen Lias wird im Zusammenhang mit einer unterschiedlichen
Lebensweise Um, die ich in einer stockwerkartigen Differenzierung des bevorzugten
Aufenthalts in der Wassersäule über dem Substrat äußert (KEUPP & ILG, dieser
Band). Diese Annahme wird gestützt durch die deutlichen Unterschiede im der
Wohnkammer-Länge. Sie beträgt bei Pleuroceras spinatum (BRUG.) in der Regel um 1800,
während sie bei Schlotheimia, Arnioceras, Bifericeras bei Werten um 2750, bei
Catacoeloceras bis zu 3600 liegt. Die daraus ableitbare stärkere nektonische Komponente
der Pleuroceraten findet ihre Entsprechung in den pendelnden Ausgleichsversuchen, um das
Gehäuse in einer manövrierfähigen Position zu halten. Die mehr benthisch orientierten
Vertreter können Symmetropathien leichter tolerieren. Daß M die Pleuroceraten aber
dennoch häufig am Meeresboden aufgehalten haben, geht aus der hohen Rate traumatischer
Anomalien (3%) hervor (KEUPP & 11,6, dieser Band). Zum Vergleich dazu hat
Schlotheimia, für die eine eher benthische Lebensweise angenommen wird, nach der
Erfassung von 4040 Exemplaren aus dem Hettangium von Oldentrup bei Osnabrück
(Belegmaterial zur Dissertation BUDWILL,1960; Universität Tübingen), eine Anomalierate
von fast 5 % (4 5 % mit traumatischen Ursachen). Die nachweisliche Epökie-Rate ist mit
0,075 % (=3 Exemplare) etwa dreimal so hoch wie bei Pleuroceras (vergl. Taf.1/10).
Entsprechend der bodenständigeren Lebensweise scheinen bei Schlotheimia weder im
Zusammenhang mit Epöken-Besiedlung, noch mit traumatischen Ereignissen pendelnde
Anomalien aufzutreten.
Das gelegentliche Auftreten von synvivo Epökien bei Ceratiten und Buchiceraten, bei denen
zum Teil die gesamten Gehäuseflanken durch Muscheln bepflastert sind, sprechen allein
aufgrund des hohen zusätzlichen Gewichts dafür, daß diese Ammonitentaxa eine
bodenständige Lebensweise hatten. Formen die auf das aktive Schwimmen angewiesen waren,
dürften aus isostatischen Gründen kaum derartige Veränderungen von Gestalt und Gewicht
toleriert haben. Die Auffassungen von SEILACHER (1960) und HEPTONSTALL (1970), daß der
Gewichtszuwachs mit Hilfe des komplexen Systems aus Sipho und Phragmokon hätte
kompensiert werden können, erscheint unwahrscheinlich. Dies auch angesichts der
gegenüber dem modernen Nautilus sehr viel effizienteren Möglichkeiten der
Gewichtskompensation bei Ammoniten (WEITSCHAT & BANDEL 1991). Vielmmehr konnten wohl
nur solche Ammonoideen derartige Besiedlungen tolerieren, die sich nicht zwangsläufig vom
Substrat lösen mußten.
Solange die Natur der hier vorgestellten Epöken nicht bekannt ist, verbieten sich für
die Pleuroceraten, für die aufgrund ihrer Reaktion im Gehäusebau eine +
nektonische Lebensweise wahrscheinlich gemacht werden kann, jedoch Spekulation darüber,
welche zusätzlichen Gewichtsbelastungen durch Epöken kompensiert werden konnten.
5.
Ergebnisse
Erstmals werden bei Pleuroceraten des
mittleren
Lias Gehäuse-Anomalien vorgestellt,die
auf mutmaßlich perniziöse Epökie zurückgeführt werden.
Die signifikanten pendelnden Reaktionen im weiteren
Gehäusebau werden im Hinblick auf eine stärkere
nektonische Komponente in der Lebensweise interpretiert.
Im Gegensatz zu den Pleuroceraten lässt
sich für
Ammmonitentaxa des unteren und oberen Lias aus
Epökie-Fällen ein eher benthisches Habitat ableiten.
Dank
Mein besonderer Dank gilt den zahlreichen
Sammlern im süddeutschen Raum, die durch die bereitwillige Überlassung pathologischer
Ammoniten die Basis für die Bearbeitung legten. Stellvertretend für alle seien nur
einige Namen genannt: D.Freitag, Stübach; S.Gräbenstein, Besigheim; H.Leuner,
Gerolzhofen; M.Plückebaum, Erlangen; A.E.Richter, Augsburg; W.Schrickel, Bochum;
G.Schrüfer, Forchheim; J.Schüssel, Nürnberg; K.Weiß, Lauf; u.v.a.. Besonders danke ich
auch Herrn Dr.W.Riegraf, Münster, für wertvolle Hinweise und die freundliche
Überlassung der beiden Arnioceraten (Taf.1/11-12). Herr Dr.H.Liebau, Institut für
Geologie und Paläontologie Tübingen, ermöglichte mir bzw. meinem damaliger Präparator
R. Lanooy freundlicherweise den Zugang zum Belegmaterial Budwill.
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